AG Bus & Bahn - Inspirationen

 

Ein kleiner Blick über den Tellerrand...

 

Bei der Planung eines Verkehrsnetzes lassen wir uns gerne von gelungenen Beispielen aus anderen Städten inspirieren. Diese werden dann auch von einzelnen Mitgliedern besichtigt und auf ihre Anwendbarkeit hin auf Braunschweig näher untersucht. Dabei kann es sich um einzelne Strecken (-abschnitte), Straßenbahn- oder auch vollständige ÖPNV-Systeme handeln, die aufzeigen, wie in größerem Umfang neue Fahrgäste für den ÖPNV gewonnen werden können.

 

 

Straßenbahn in Frankreich

In vielen Städten unseres Nachbarlandes wurde der öffentliche Nahverkehr lange Zeit vernachlässigt. Bis vor etwa 20 Jahren waren nur noch wenige Straßenbahnstrecken in Betrieb. Aufgrund stark gestiegener Verkehrsprobleme in vielen Städten hat man erkannt, dass ein erheblicher Nachholbedarf bestand. Staatlich unterstützt wurden moderne Systeme aufgebaut, die so erfolgreich wurden, dass sie nun als Vorbildbetriebe weit über die Grenzen Frankreichs hinaus gelten. Hierzu zählen auch technische Innovationen, wie beispielsweise der oberleitungslose Betrieb in Bordeaux.

 

Montpellier

Das klassische Beispiel für eine gute, konsequente Straßenbahnplanung ist das im Juli 2000 eröffnete und mehrfach erweiterte Netz der Stadt Montpellier. Der Bau der Straßenbahn wurde kombiniert mit wichtigen Umbaumaßnahmen in den Stadtteilen, sodass diese gleichzeitig erheblich aufgewertet werden konnten. Mittlerweile bestehen insgesamt 4 Linien, eine weitere ist geplant.

Niederflurbahnen und moderne Leittechnik sind hier eine Selbstverständlichkeit. Die Fahrgäste honorieren diese gelungene Umsetzung mit regelmäßigen Fahrten in der Bahn. Die prognostizierte Fahrgastzahl wurde erheblich übertroffen; der Takt der Bahnen ist entsprechend hoch.

Weitere Infos, auch zu den einzelnen Linien, sowie viele Bilder sind auf www.tramway.at/montpellier/ zu finden. 

 

 

Lyon

Obwohl Lyon von der Größe und Struktur her nicht unmittelbar mit Braunschweig vergleichbar ist, lassen sich viele auch für uns interessante Aspekte im Lyoner Straßenbahnsystem finden. Die Straßenbahn Lyon ist ebenfalls ein recht junger Betrieb - die Eröffnung der ersten Strecke fand Ende 2000 statt. Das Straßenbahnnetz ergänzt das Metro-System und führt dabei auch in die Vororte.

Die Planer haben das System so gestaltet, dass es sich gut und stimmig in das Stadtbild einfügt. Im Design einer Seidenraupe erinnert die Bahn an die Seidenverarbeitung, die über Jahrhunderte ein bedeutender Wirtschaftszweig der Stadt war.

Was in Braunschweig immer wieder zu lebhaften Diskussionen im Rathaus führt, ist nicht nur in Lyon, sondern auch in den meisten anderen französischen Straßenbahnbetrieben eine Selbstverständlichkeit: Rasengleise. Hierdurch wirken die Bahnstrecken in dichter bebauten Bereichen wie eine grüne Oase und lockern das Stadtbild erheblich auf.

Als Besonderheit kann die Linie T3 gesehen werden: Diese verkehrt auf einer ehemaligen Gütereisenbahntrasse vom zentralen Bahnhof "Part Dieu" bis in weiter entfernte Vororte im Osten der Stadt. Beschrankte Bahnübergänge anstelle klassicher Kreuzungen ermöglichen der Bahn ein zügiges Vorankommen. Dadurch, und aufgrund der größeren Haltestellenabstände im ländlicheren Bereich, sind attraktive Reisezeiten aus den Vororten möglich. Auch wenn noch einige Unterschiede bestehen, kann die Strecke zur Inspiration für den Abschnitt Harvesse - Braunschweig-Innenstadt herangezogen werden.

 

 

Chemnitz

Während man sich in Braunschweig über das Scheitern der Planungen der Regiostadtbahn ärgert, kann man in Chemnitz bereits damit fahren. Doch dies alleine ist nicht der Grund, warum Chemnitz hier genannt wird, immerhin ist die Regiostadtbahn mittlerweile auch in vielen anderen Städten ein gern genutzter Teil des ÖPNV-Systems. In der von der Größe her mit Braunschweig gut vergleichbaren Stadt wird der Verkehr gesamtheitlich betrachtet und so erfolgreich zusammengeführt. Dabei werden beispielsweise die Wege des motorisierten Individualverkehrs gebündelt (und an diesen Stellen auch entsprechend ausgebaut) und so Lärm sowie Schadstoffemission in den anderen Bereichen erheblich verringert. Gleichzeitig entstehen neue Flächen für den umweltfreundlichen Fahrradverkehr und ÖPNV.

Bereits 1956 beschließt die Stadtverordnetenversammlung die Umspurung des Straßenbahnnetzes, welche innerhalb von 30 Jahren (beginnend mit dem ersten Spatenstich im Jahre 1958) bis 1988 umgesetzt wurde. Dadurch können heute breitere, niederflurige Straßenbahnwagen und vor allem auch die Regiostadtbahnen eingesetzt werden. Eine ÖPNV-Bevorrangungsschaltung wurde Ende der 1990er Jahre eingeführt und wird nun in Kombination mit der Modernisierung der Ampelanlagen erneuert und vernetzt, sodass auch hier der Verkehr als Ganzes von der Umbaumaßnahme profitieren kann.

Seit der Jahrtausendwende werden ähnlich wie in Frankreich bei Aus- und Neubauten vorwiegend Rasengleise eingebaut, die damit die Umgebung nicht nur optisch aufwerten sondern auch die Fahrgeräusche der Bahnen minimieren. An anderen Stellen werden die Gleise mit Busspuren kombiniert, wodurch der Busverkehr beschleunigt werden kann.Apropos Optik: Alle städtischen Fahrzeuge präsentieren sich in den Stadtfarben blau-gelb und einer gepflegten Außen- wie auch Innenerscheinung. Die ins Umland verkehrenden Bahnen sind zur Unterscheidung in verkehrsrot-blau lackiert.

Ein neues Netzkonzept bietet seit 2006 abends sowie an Sonn- und Feiertagen optimale Anschlussbeziehungen der städtischen Linien untereinander wie auch zu den Umlandbus- und Regionalbahn-Linien. An der zentralen Umsteigestelle nahe des Rathauses gibt es bis gegen 22 Uhr einen 20-Minuten- und anschließend bis Mitternacht einen 30-Minuten-Takt aller Linien. Ab Mitternacht verkehren täglich acht Nacht-Buslinien im Stundentakt bis zum ersten Tagesanschluss und verbinden so die wichtigsten Teile des Stadtgebietes auch nachts miteinander.

 

 

Heilbronn

Ähnlich wie in vielen anderen (westdeutschen) Städten stand auch in Heilbronn nach dem zweiten Weltkrieg die seit 1897 existierende Straßenbahn zur Debatte. Aufgrund des desolaten Zustandes wurde ab 1948 das Straßenbahnnetz nach und nach durch Omnibusse und Oberleitungsbusse ersetzt. Im Sommer 1954 empfahl ein wirtschaftliches Gutachten auch die Einstellung des restlichen Straßenbahnverkehrs und den vollständigen Ersatz durch Busse, was bis zum 1. April 1955 erfolgte.

Erst 44 Jahre später näherte sich wieder ein schienengeführtes Fahrzeug der Heilbronner Innenstadt, als die Karlsruher Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) ihr Streckennetz von Eppingen bis zum Heilbronner Hauptbahnhof verlängerte. Im Jahre 2001 erfolgte dann auf Betreiben der AVG der Netzanschluss der Heilbronner Innenstadt. Die Bahnen fuhren nun von Westen her kommend unter 15 kV Wechselspannung zum Bahnhofsvorplatz und von dort über einen Systemwechsel weiter unter 750 V Gleichspannung durch die neu angelegte Fußgängerzone, vorbei am Marktplatz mit Rathaus bis zur Heilbronner Harmonie.

Unter Federführung der Stadtwerke Heilbronn (SWH) und der Heilbronner Hohenloher Haller Nahverkehr GmbH (HNV) sowie mit Unterstützung der AVG erfolgte die Planung weiterer Strecken. So entstand bis 2004 die Ostverlängerung der vorhandenen Stadtbahnstrecke bis zum Stadtrand, welche teils als Rasengleis, teils als ineinander verschwenkte Strecke im Straßenplanum entstand. Vom Pfühlpark gelangt man seit 2005 über einen Systemwechsel auf die sanierte Hohenlohebahn und kann so mit der S-Bahn bis Öhringen durchfahren.

Neben der West-Ost-Achse entstanden weitere Planungen für eine Nord-Süd-Achse. Im Dezember 2013 konnte der erste Abschnitt des nördlichen Astes bis Neckarsulm in Betrieb genommen werden. Diese Strecke zweigt an der Harmonie von der West-Ost-Achse ab. Getrennt vom motorisierten Individualverkehr (MIV) liegen die Gleise zunächst in einer neu angelegten Busspur, folgen dann im Straßenplanum einer Nebenstraße bevor sie als Rasengleise durch ein Gewerbe- und Industriegebiet führen. Am Stadtrand erfolgt der Wechsel auf den Bahnkörper der Frankenbahn, der die Gleise bis zum Bahnhof Neckarsulm parallel folgen. Von dort werden ab Ende 2014 die Bahnen weiter über Bad Friedrichshall bis nach Mosbach-Neckarelz bzw. Bad Rappenau und Sinsheim fahren.

Ergänzt wird dieses Stadtbahnnetz durch eine moderne Busflotte der Stadtwerke Heilbronn. Anschlüsse der Verkehrsmittel untereinander werden sowohl an der Harmonie als auch am Hauptbahnhof geboten. Bevorrangungsschaltungen sorgen bei beiden Verkehrsträgern - Bus und Bahn - für ein schnelleres Vorankommen.